Wir testen den Tourismus-Standort Frankfurt
BZ.COMM Undercover in Frankfurt
Heute im Test: Die Goethe-Wanderung
von Eileen Geibig am 12.04.2011
Ich habe Jack The Rippers London mit dem wunderbaren Guide Don von den London Walks erlebt, bin auf Sisis Spuren durch das Schloss Schönbrunn in Wien gewandelt und habe afrikanische Geschichte in den ehemaligen Sklavenvierteln Kapstadts geatmet. Nun wollte ich wissen, was Frankfurts Antwort auf all das war. Haben wir neben den seltsam daher kriechenden Segway-Gefährten und den obligatorischen Führungen über den Römer denn sonst etwas Originelles zu bieten? Yes we do: Frankfurt proudly presents – The Goethe Walk.
Am Anfang steht die Ernüchterung. Da haben wir extra herausgefunden, dass der etwa elf Kilometer lange Rundgang durch Frankfurt auf Goethes Spuren im Goethe-Haus beginnt und wir die passende Broschüre dort erhalten, doch dann muss der Kassenmensch die halbe Auslage durchwühlen, um uns die Beschreibung herauszufischen. Er überreicht sie uns mit dem aufmunternden Kommentar: „Joa dann viel Spass, ei da frrragt sonst koaner nach.“ Kein Wunder, denken wir nach einem ersten Überfliegen des Heftchens: Nur vier Stationen auf elf Kilometern, also mehr Latschen als Goethe – das macht wohl kaum ein Tagestourist mit.
Doch wir sind frisch motiviert und heute vollends im Goethe-Fieber. Also setzen wir noch einen drauf und besorgen uns im Shop
„Die schönsten Gedichte“ von Goethe. Wann immer wir ein Päuschen machen oder eine der Stationen erreichen, deklamieren wir daraus, das nehmen wir uns vor. Das Goethe-Haus selbst, die erste Station, lassen wir prompt weg. Erstens, weil der kleine Johann Wolfgang ja quasi noch ein Hosenscheißerl war, als er hier lebte, und erst später zu ganzer literarischer Größe heranwuchs, und zweitens, weil das himmlisch-sonnige Wetter draußen jeden längeren Aufenthalt in geschlossenen Räumen wahrlich verbietet.
Also geht es los in Richtung zweite Station, zur Gerbermühle. Die Erfinder der Goethe-Wanderung müssen wohl auch darauf gekommen sein, dass die Entfernungen ziemlich groß sind, gemessen an dem, was man über Goethes Frankfurt vermitteln kann. Und so bauen sie einem noch hübsch die Paulskirche, den Römer und den Dom ein – also klassische Frankfurter Geschichte im Vorbeilaufen. Spätestens nach dem Überqueren der Alten Brücke langweilt uns dieses Standardrepertoire ein wenig, und wir beschließen, das erste Päuschen einzulegen.
Zum Glück sind wir Insider und wissen, dass es bei Cooking Ape am Walter-von-Cronberg-Platz dass allerleckerste Eis gibt. Wir lassen uns zur Feier des Tages Joghurt-Eis mit Rhabarber, Crumble und dunkler Schokolade kredenzen und lesen unser erstes Goethe-Gedicht. Dabei denken wir an die armen Touris, die sich hier kein bisschen auskennen, vermutlich erst an Station 2 das erste Magenknurren spüren und sich dann ob der gesalzenen Preise in Frankfurts bekanntestem Ausflugslokal auf den Hosenboden setzen.
Doch wir sind nach Poesie und Zuckerschock wieder frohen Mutes und schaffen es auch noch bis zur Gerbermühle. Nun wird es erst so richtig interessant: Hier nämlich verschoss sich Goethe während der Feier seines 66. Geburtstagstags doch tatsächlich in die Frau des Gastgebers, Marianne von Willemer. Brisant, brisant. Ihr soll das Gedicht „Suleika“ gewidmet sein, und als wir das dann direkt vor Ort laut lesen, fühlen wir uns dem lieben Goethe auf einmal ganz nah:
Nimmer will ich dich verlieren!
Liebe gibt der Liebe Kraft.
Magst du meine Jugend zieren
Mit gewaltger Leidenschaft.
Ach! wie schmeichelt’s meinem Triebe,
Wenn man meinen Dichter preist:
Denn das Leben ist die Liebe,
Und des Lebens Leben Geist.
Isset nicht romantisch? Auf einmal kommt alles zurück: der Faust, der junge Werther und der Zauberlehrling sowieso und auch all die Frühlingsgedichte, die wir früher in der Schule mit übertriebener Betonung aufsagen mussten. Und wir stellen fest, das der gute alte „Joethe“, so nennt mein Opa in Berlin seinen Lieblingsdichter, einen festen Platz in unserem Herzen hat und es längst an der Zeit war, einige seiner großen Worte mal wieder auszugraben.
Apropos ausgraben, wir staunen darüber, welche Stadtteile wir durch diesen selbstgeführten Walk auf einmal ausgraben. Nach der Gerbermühle folgt die Wanderung durch das beschauliche Oberrad, in das wir zuvor nie auch nur einen Fuß gesetzt haben. Das ungeliebte Heftchen entpuppt sich als überaus hilfreich, die Wegbeschreibungen stimmen haargenau, und tatsächlich ist ein Verlaufen schier unmöglich. An Kreuzungen und Gabelungen prangt immer irgendwo ein kleines Zeichen mit Goethes Antlitz und weist den Weg.
What’s next? Ah ja, der Stadtwald – wir sind inzwischen schon ganz high von all den anmutigen Liebesgedichten und
energiegeladenen Naturbeschwörungen – und hinauf geht es zur Goetheruh. Die Bezeichnung ist eigentlich ein Widerspruch, denn es ist weder nachgewiesen, dass Goethe hier tatsächlich zum Entspannen herkam, noch hat der Ort heute irgendetwas von Ruhe. Das Ausflugslokal ist proppevoll und der Abenteuerspielplatz quillt vor lärmenden Kindern fast über. Uns ist hier weder nach Päuschen noch nach Poesie zumute, zumal der Goetheturm (erbaut 1913) wegen Wartungsarbeiten geschlossen ist.
Also trollen wir uns von dannen und machen uns auf zur letzten Station, dem Willemer Häuschen. Dieses achteckige Türmchen ist winzig und sieht ein bisschen wie aus einem Märchen aus. Rein darf man nur an Sonntagen, also lesen wir unser letztes Gedicht im Park nebenan. Eine Anwohnerin mit ihrem Vierbeiner hält beeindruckt neben uns an und erzählt uns, dass Goethe auch hierher nur deshalb kam, um bei Familientreffen möglichst unauffällig Marianne von Willemer anzuhimmeln.
Auf dem Rückweg durch die Innenstadt bemerken wir einen fetten Faux Pas der Tour: Das Heftchen ist zu Ende, doch wir stehen plötzlich mitten auf dem Goethe-Platz vor dem durchaus beeindruckenden Goethe-Denkmal. Warum ist das denn nicht dabei? Nun dreht unsere Fantasie Schleifen: Wieso bietet das Café Karin nicht ein Goethe-Frühstück an, führt kein adretter Engländer im Goethe-Kostüm die Gäste die Route entlang, die kein Deutsch können, und warum werden keine Poetry-Slams mit dem Motto „Sturm und Drang 2011“ auf dem Goetheplatz veranstaltet?
Nun ja, Frankfurt ist eben nicht Weimar, das sehen wir ein und das ist zugleich unser Fazit. Allzu viel lernt man nicht über Goethe, wenn man nur die Wanderung macht. Aber dennoch ist der Spaziergang ein guter Anlass, sich den Dichterfürsten wieder etwas näher zu bringen, auf poetische Art Teile von Frankfurt neu zu entdecken und immerhin elf Kilometer bei schönem Wetter zu lustwandeln.
Und natürlich schließen wir mit Goethe:
Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.
Heute im Test: die Frankfurter Touristen-Information
von Elisa Lorenz und Michèle Hellmich am 04.04.2011
Frankfurt am Main ist außer für den Spitznamen „Mainhattan“ auch als wichtiger Tourismusstandort bekannt. Hier sitzen nicht nur einer der wichtigsten Flughäfen Europas und eines der weltweit größten Messeunternehmen, hier haben sich auch viele Fremdenverkehrsämter sowie zahlreiche Fluggesellschaften und Hotelketten niedergelassen. Die Stadt wimmelt also nur so vor Fachleuten, Expedienten, Servicepersonal und Reiseverrückten. Wir von BZ.COMM gehören ohne Zweifel dazu. Doch wie touristenfreundlich ist Frankfurt am Main – DER Tourismusstandort in Deutschland – überhaupt? Michèle Hellmich und Elisa Lorenz gehen dieser Frage auf den Grund – anonym und undercover. Heute: Die Touristen-Information.
Am Anfang steht die Orientierungslosigkeit. Was macht ein Tourist, wenn er in die fremde Stadt kommt? Er stürmt die Touristen-Information. Unsere Internetrecherche hat ergeben, dass es in Frankfurt zwei davon gibt – eine im Hauptbahnhof und die andere auf dem Römerberg. Da fiel die Entscheidung leicht, das Epizentrum der Touristenströme sollte es sein, der Römerberg.
Wir haben Glück und kommen direkt an die Reihe. Die nette Dame sitzt alleine hinter der Theke. Ohne Umschweife stellen wir uns als Touristen vor und erfragen die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Frankfurt. Diese Frage scheint sie nicht zu überraschen. Sie zückt einen Stadtplan, den wir für 50 Cent unser Eigen nennen dürfen. Die passenden Sehenswürdigkeiten sind schnell gefunden, PaulskircheDomKaisersaalRömerMaintowerGoethemuseum. Doch wir sind ja nicht auf den Mund gefallen. „Was können Sie uns denn empfehlen?“, kontern wir. „Paulskirche, Dom, Kaisersaal, Römer, Maintower und auf jeden Fall noch das Goethemuseum“, erklärt sie uns. Das sei auch alles hier in der Nähe. Daher rät sie uns auch gleich von der „Frankfurt Card“ ab, für die am Eingang Werbung gemacht wird, da alles gut zu Fuß zu erreichen sei. Neben Fahrkartenpreisen erfahren wir beiläufig von der Stadtrundfahrt. Kann man machen, muss man aber nicht. Es ist zwar schön, dass Einem keine unnötigen Kosten aufgeschwatzt werden, aber zur Entscheidung trägt das nicht großartig bei. Darum müssen wir uns wohl selber kümmern. Wir lassen nicht locker. Palmengarten, was ist das denn? Ein botanischer Garten. Und das Goethemuseum? „Ja, jeder hat ja wahrscheinlich in der Schule mal was von Goethe gelesen, oder?“ Ja, stimmt. Dieses Frage-Antwort-Spiel kann man unbegrenzt weiterführen. Zu den Schlagworten kam leider wenig Hintergrundinformation. Also geht man als Tourist einfach danach, was sich am besten anhört?! Auf unsere Fragen hin kommt die Frau langsam in Fahrt und merkt, dass wir wirkliches Interesse haben. Neben dem 50-Cent-Stadtplan gibt sie uns nun noch zahlreiche kostenlose und durchaus nützliche Broschüren. Als stolze Besitzerinnen eines Restaurant-Guides, eines Club-Guides sowie eines Kultur- und Stadtmagazins verlassen wir bestens ausgestattet die Touristen-Info. Mit der knallroten Frankfurt-Tüte gehen wir auch außerhalb der Informationsstelle als Touristen durch, so viel ist klar.
Unser Fazit: Wenn es nach der Mitarbeiterin der Touristen-Information gegangen wäre, würden wir uns erst die Paulskirche ansehen, dann den Maintower besteigen, Goethes Geburtshaus begutachten und am Abend in das nicht so touristische, aber umso urigere Altsachsenhausen eintauchen. Zwinker! Frankfurtern blutet bestimmt das Herz, dass den Besuchern Höhepunkte wie die Alte Oper, das Museumsufer, die Fressgass oder das Bankenviertel, das der Stadt deutschlandweit ihr Gesicht gibt, entgehen würden. Vielleicht erfahren wir ja beim nächsten Mal mehr, während der zweieinhalbstündigen Stadtrundfahrt … Lassen wir uns überraschen.
Herzlichst, Eure Elisa und Michèle









Comment from Dr. Wersenger
Time April 12, 2011 at 8:20 pm
Eine lebendige,sehr unterhaltsame und lehrreiche Schilderung einer touristischen Attraktion. weiter so!